Flugphysik | Auftrieb und mehr

Auftrieb und mehr...

Inhalt


Flugphysik | Auftrieb und mehr

Das Prinzip

Auftrieb bei Umströmung eines Tragflügels entsteht durch Umlenken der gerade von vorn anströmenden Luft nach unten (Bild, blaue Pfeile, Ansicht aus Sicht des Flugzeugs). Luft hat wie alle Flüssigkeiten und Gase eine geringe Zähigkeit (Viskosität), wodurch sie bestrebt ist, gebogenen Oberflächen (hier das Tragflügelprofil) zu folgen (Coanda Effekt). Da sich aus der Sicht des Flugzeugs das Strömungbild nicht ändert, fallen die Bahnen der Luftteilchen (Trajektorien) mit den Stromlinien zusammen.

Weiterhin wird die Luft hierdurch an der Flügeloberseite stark beschleunigt und an der Unterseite abgebremst. Aus der Sicht des mit der mittleren Strömung mitbewegten Beobachters (vom Boden aus vorbeifliegendes Flugzeug) sieht die Strömung somit wie ein Wirbel aus, der mit dem Flugzeug bewegt wird (rot). Die Trajektorien fallen aus dieser Sicht jedoch nicht mit den roten Stromlinien zusammen, weil gleichzeitig das Flugzeug nach links vorbeifliegt. Die Trajektorien, welche unterhalb des Flügels vorbeigehen, werden leicht nach links und dann kräftig nach unten zeigen. Diejenigen, die oberhalb des Flügels vorbeiziehen, werden zunächst leicht angehoben, dann evtl. sogar wegen der starken Beschleunigung der Teilchen oberhalb des Flügels nach rechts zeigen um hinter der Flügelhinterkante wiederum kräftig nach unten beschleunigt zu werden.

Beide beobachten eine Vertikalbewegung (grün) mit Aufsteigen vor und Absinken hinter dem Flügel. Die Asymmetrie der Strömung bewirkt jedoch ein deutlich stärkeres Absinken, wodurch letztendlich Netto Auftrieb übrig bleibt.


Flugphysik | Auftrieb und mehr

Massen- und Impulsbilanz

Das oben beschriebene Prinzip soll nun etwas genauer analysiert werden. Wird angenommen, die Luft sei inkompressibel, so kann die Strömung quantitativ allein durch die Stromlinien (Bild) dargestellt werden. Weiterhin wird konstante Luftdichte (ρ) angenommen. Die Strömungsgeschwindigkeit ist dann parallel zu den Stromlinien und je größer, je enger die Linien zusammenliegen. Betrachtet wird hier der Massen- und Impulsaustausch durch die horizontale Fläche in höhe des Flugzeugs (schwarze Linie).

Weil Stromlinien immer geschlossen sind oder am Rand enden, wird durch Umströmung des Flügels Netto keine Luftmasse nach oben oder unten transportiert (ρ⋅w⋅A = const, wobei w die Vertikalgeschw. und A die Größe der horizontalen Fläche zwischen 2 Stromlinien sind).

Der Fluss von Impuls ρ⋅w durch die horizontale Fläche mit der Vertikalgeschwindigkeit w, ρ⋅w2, ist jedoch quadratisch in w, weshalb sein Integral über die horizontalfläche dominiert wird vom starken Absinken hinter dem Flügel. Dieser Nettoimpulsfluss wird vom Flügel ausgelöst und ist aus seiner Sicht eine Kraft, die der Flügel auf die Luft nach unten ausübt. Die Gegenkraft hierzu ist der Auftrieb.

In genau gleicher Weise von Impuls- und Massenbilanz funktionieren andere durch Strömung verursachte Kraftübertragungen. Bei Düsentriebwerken heißt dies auch treffend "Rückstoß".


Flugphysik | Auftrieb und mehr

Andere Betrachungsweisen

Folgende, meist sehr viel populärere Betrachtungsweisen des Auftriebs sollen noch diskutiert werden:

Auftrieb wird durch Bernoulli verursacht

Bernoulli (d.i. die Relation von Strömungsgeschindigkeit und statischem Druck bei inkomressibler Strömung) kann zur Diagnose des Auftriebs genutzt werden: Geschwindikeits- und Druckverteilung an der Flügeloberfläche folgen dem Prinzip. Hierzu ist Vorraussetzung, dass die Strömung nicht nur inkopressibel ist, sondern auf wirbelfrei (keine Vorticity), wobei die letztere Annahme für das Problem Auftrieb kritisch ist. Bernoulli beschreibt aber nicht Ursache und Wirkung. Falsch sind jedoch folgende oftmals gemachte Behauptungen:

Der Anfahrwirbel benötigt zur Vorticitybilanz einen Gegenwirbel, der rote Wirbel im Bild

Beim Anfahren zum Start bildet sich ein zum im Bild roten Wirbel umgekehrt drehender Wirbel an der Flügelhinterkante (Anfahrwirbel), der sich bei höherer Geschwindigkeit ablöst und dann nicht mehr beobachtet wird. Dieser Wirbel hat eine endliche Vorticity. Da nach außen die Gesamtvorticity Null ist, wird ein zweiter Wirbel benötigt, der rote Wirbel im Bild. Nach dem Prinzip von Kutta-Joukowski erzeugt ein Wirbel (der rote), der durch ruhende Luft gezogen wird, Auftrieb. Dieses Prinzip wird unmittelbar über die Trajektoriendiskussion (siehe oben) verständlich.

Der Satz vertauscht nur Ursache und Wirkung. Ursache ist der durch die Viskosität verursachte rote Wirbel im Bild. Nur die Viskosität der Luft gibt dem Wirbel eine endliche Vorticity, wodurch der Anfahrwirbel als "Gegenwirbel" erforderlich ist. Weiterhin ist der Anfahrwirbel auch im Flug vorhanden, jedoch weit weg hinter und unter dem Flügel. Er ist jedoch fast nicht nachzuweisen, weil von nicht kontrollierter Größe und Lage.

Ein Wirbel ohne Vorticity? Ja, in der Tat! Der Badewannenwirbel ist ein solcher: Legt man einen Streichholz derart aufs Wasser, dass er das Wirbelzentrum ganz umfährt, dreht er sich nicht um sich selbst. In der Praxis wird er es widerum wegen der Viskosität des Wassers doch (langsam) tun.


Zusammengestellt von Wolfgang Kouker, Juni 2003